Zum Inhalt
Harry Pepl * 1945  † 2005
Cover: Flow

Cover: PAO Records

Formation · 1995 bis 1996

Harry Pepl solo

Klavier solo: „Consequence“ (1995) und „Flow“ (1996)

Der Gitarrist, der mit Benny Goodman und Jack DeJohnette gespielt und bei ECM Maßstäbe gesetzt hatte, setzte sich an den Flügel: Mitte der 1990er Jahre spielte Harry Pepl zwei Soloalben am Klavier ein, frei improvisiert und ohne jede Vorbereitung. Im November 1995 entstand in der Bösendorfer-Fabrik in Wien, Österreich, „Consequence“, am 10. März 1996 im Brahmssaal des Wiener Musikvereins „Flow“, in einem Take am Steinway. Die Zeitschrift Concerto hörte in den zwölf Echtzeitkompositionen Bach, Cecil Taylor, Schönberg und Keith Jarrett anklingen; Wulf Müller schreibt über „Flow“: „The result is as pure as it gets.“

Harry Pepl Klavier, Komposition

Tonträger Fragen und Antworten

Auf einen Blick

Instrument
Klavier: Bösendorfer-Flügel („Consequence“), Steinway im Brahmssaal des Wiener Musikvereins („Flow“)
Consequence
Aufgenommen im November 1995 in der Bösendorfer-Fabrik, Wien; erschienen am 15. Mai 2020 bei Fullmax Recordings
Flow
Aufgenommen am 10. März 1996 im Brahmssaal des Wiener Musikvereins, in einem Take; PAO Records CD 10140-2, 1996; 2023 digital als „Harry Pepl Piano“
Team „Flow“
Aufnahme Reinhard Buchta, Produktion Paul Zauner, Schnitt Daniel Pepl
Methode
Frei improvisiert, ohne Vorbereitung; Real-time Composing
Interview
Martin Schuster, „Man könnte Klavierspielen müssen“, Concerto 2/1998

Vom Gitarristen zum Pianisten

Anfang der 1990er Jahre entdeckte Pepl das Klavier für sich. Es erlaubte ihm, zwei Linien zugleich zu spielen, Improvisation und Begleitung in Echtzeit.1 Auf Platte hatte er schon 1987 Klavier gespielt, im Schlussstück „Tintenfisch Inky“ des ECM-Albums „Cracked Mirrors“.2 Geübt hat er nie: „Bei Flow spiele ich Klavier, obwohl ich eigentlich gar nicht Klavier spielen kann“, sagte er Nikolaus Kohler. Gerade darin lag der Reiz: Am Klavier denke er an keine Gitarrentricks, er setze sich hin und spiele, „und das ist genau das, was ich will“.3

„Consequence“: Bösendorfer, November 1995

Im November 1995 spielte Pepl in der Bösendorfer-Fabrik in Wien zwölf frei improvisierte Stücke auf einem Flügel des Hauses ein und produzierte sie selbst. „Es ist das gleiche Konzept, Improvisationen auf dem Klavier, nur klingt der Bösendorfer ganz anders“, erzählte er; aufgenommen habe er, „weil ich einfach nicht aufhören konnte, Klavier zu spielen“.4 Im Begleittext schrieb er: „Beim Klavierspielen genieße ich die große Freiheit.“ Nach kurzer Zeit merke er keine Zeit mehr, „und die Töne strömen ganz von allein“.5 Das Cover zeigt ein Foto von 1950, Harry Pepl als Kind mit seiner Großtante.5 Das fertige Album blieb liegen, weil die Plattenfirma keine zwei Klavierplatten auf einmal herausbringen wollte.6 Fullmax Recordings veröffentlichte „Consequence“ am 15. Mai 2020 aus dem Nachlass.7

„Flow“: ein Take im Musikverein

Am Sonntag, 10. März 1996, setzte sich Pepl im Brahmssaal des Wiener Musikvereins an den Steinway und spielte zwölf Stücke in einem Take; aufgenommen hat Reinhard Buchta, produziert Paul Zauner.8 Vorbereitet war nichts, kein Motiv, kein Thema: „Ich habe die Musik nicht so im Kopf, das ist wirklich so ein Fluss, wo nichts dazwischen ist.“3 Nach Jahren mit Computer und MIDI suchte er die Reduktion: „ich setze mich hin und spiele nur Klavier, nichts sonst“.1 Auch der Saal spielt mit. In „Silent Water“ spiele er ganz wenig und höre, wie die Töne vom Raum zurückkommen, „und irgendwo in der 14. Reihe knistert ein Sessel“.1 Bei zwei Stücken legte er eine zweite Klavierspur darüber, einige Stellen wurden auf Anraten seines Sohnes Daniel Pepl gekürzt.1 Das Cover zeigt ein Bild, das Pepl selbst gemalt hat; so sehe es in ihm drinnen aus, sagte er. Er widmete das Album der Musikhochschule Graz.9 PAO Records brachte es 1996 heraus, 2023 erschien es digital neu als „Harry Pepl Piano“.8

Zwölf Stücke, zwölf Geschichten

Die Titel erzählen aus Pepls Leben. „3 Mo“ steht für „mottig, mollig, momentig“, momentig, weil die Musik im Moment entstanden ist.10 „Improv 2“ deutet ein Impromptu von Schubert neu, „Grace and Gary“ setzt sich mit dem Western „High Noon“ („Zwölf Uhr mittags“) auseinander, man hört die Uhr ticken. „Fast Mail“ klingt wie eine Postkutschenfahrt über Stock und Stein.1 Das Herzstück ist „Man könnte Klavierspielen müssen“: Es beginnt als vorwärtsdrängende Pseudo-Fuge, verdichtet sich zu einem flirrenden Klanggewebe und löst sich unerwartet auf. Concerto vermutete im Titel eine Anspielung auf Glenn Goulds Klavierbesessenheit.1 Gould hatte Pepl schon früher beschäftigt: Die Würdigung zum Kulturpreis des Landes Niederösterreich 1991 erzählt, wie er die rhythmische Präzision einer Bach-Einspielung Goulds am Computer analysierte.11

Echo

Martin Schuster nannte die Stücke in Concerto „lyrisch-versponnene, bisweilen aufwühlende und insistierende Diskurse des Improvisators mit sich selbst“ und siedelte sie zwischen Bach, Cecil Taylor, Schönberg und Keith Jarrett an, ohne sie damit erfassen zu wollen.1 In den Linernotes von Georg Pepl hört der Pianist Stephen Ferguson Gould, Jarrett, Debussy, Cecil Taylor, Bach, Schönberg und Schubert: „Through Pepl we hear what Pepl hears when he listens to pianistic heroes.“9 Der Gitarrist Alex Machacek zählte „Flow“ 2006 zu seinen Lieblingsalben.12 Wulf Müller, der als Produzent bei PolyGram Austria „Schönberg Improvations“ betreut hatte, schreibt 2024 über „Flow“: „The result is as pure as it gets.“13 Und der Bassist Raphael Preuschl erinnerte 2024 an Pepls „Man könnte Klavierspielen müssen“, als er beschrieb, wie sein Bandkollege Alex Machacek die Grenzen der Gitarre überwinden und sich die Polyphonie eines Tasteninstruments aneignen will.14

Danach

Im Gespräch mit Concerto kündigte Pepl eine weitere Solo-CD an, auf der er mehrere Instrumente spielen wollte.1 Daraus wurde die Arbeit im Heimstudio in Hernstein, Niederösterreich: Als Lonely Single Swinger Band spielte er Gitarre, Klavier, Bass und Schlagzeug selbst ein, Spur für Spur im Real-time Composing.15 Der Pianist Stefan Heckel, Träger des Harry-Pepl-Preises, hat Pepls Instant Composing 2024 in seiner Dissertation untersucht.16

Anmerkungen und Quellen (16)
  1. Martin Schuster, „Man könnte Klavierspielen müssen“, Concerto, Nr. 2, April/Mai 1998, S. 44 f. (Webarchiv). ↩
  2. Kohler 2006, S. 114 bis 115; Wulf Müller, „European Jazz Masters Of The Past # 2 – Harry Pepl“, Blog, 05.02.2024. ↩
  3. Kohler 2006, S. 131 (Gespräche mit Harry Pepl). ↩
  4. Kohler 2006, S. 128 (Gespräch mit Harry Pepl). ↩
  5. Kohler 2006, S. 129 (Booklet „Consequence“, 1995). ↩
  6. Kohler 2006, S. 130. ↩
  7. Fullmax Recordings, FULLMAX20-06AD, 15.05.2020. ↩
  8. Kohler 2006, S. 130 bis 131; Heckel 2024, S. 152; PAO Records CD 10140-2 (1996); Digital-Neuausgabe „Harry Pepl Piano“, PAO Records, 21.07.2023. ↩
  9. Kohler 2006, S. 132 (Booklet und Linernotes von Georg Pepl zu „Flow“, 1996). ↩
  10. Kohler 2006, S. 131 bis 132 (Booklet „Flow“). ↩
  11. „Spontane Klangerlebnisse“, Kulturpreis des Landes Niederösterreich, Anerkennungspreis 1991, Sparte Musik (Preisträgerdatenbank des Landes). ↩
  12. Rave Magazine, 2006. ↩
  13. Wulf Müller, „European Jazz Masters Of The Past # 2 – Harry Pepl“, Blog, 05.02.2024. ↩
  14. mica – music austria, Michael Ternai im Gespräch mit Raphael Preuschl (Fabulous Austrian Trio), 20.03.2024. ↩
  15. Kohler 2006, S. 133; Heckel 2024, S. 259 bis 260. ↩
  16. Stefan Heckel, „Instant Composing. Das Spätwerk des Jazzgitarristen und Komponisten Harry Pepl“, Dissertation, mdw Wien, 2024. ↩

Stimmen

Beim Klavierspielen genieße ich die große Freiheit. Unbelastet von Profession und Schublade kann ich ganz im Klang des Instruments, in der Akustik des Raums, in der Stimmung aufgehen, im Augenblick.

Harry Pepl Booklet zum Klavieralbum „Consequence“, 1995, zitiert in Kohler 2006, S. 129

Ich wollte, daß man auf der CD auch den Raum hört.

Harry Pepl Concerto (Musikmagazin), Ausgabe 2/1998, April 1998, S. 2 von 4 (Fassung in Presseberichte (1))

Ich habe die Musik nicht so im Kopf, das ist wirklich so ein Fluss, wo nichts dazwischen ist.

Harry Pepl Über das Klavieralbum „Flow“; Gespräch mit Nikolaus Kohler (Interview 1-65), zitiert in Kohler 2006, S. 131

Harry sat down at the piano, which he never really learned to play, nor practised, and plays, let’s the music flow through him.

Wulf Müller, Blog „European Jazz Masters Of The Past“, 5. Februar 2024

After a few moments I don’t feel time anymore. An emotion of happiness floats through me and the sounds stream on their own

Harry Pepl Wulf Müller, Blog „European Jazz Masters Of The Past“, 5. Februar 2024

Tonträger

Hören und sehen

Auswahl von Harry Pepl auf Spotify, nicht nur aus diesem Projekt.

Zum Anhören wird ein Player von Spotify geladen. Dabei werden Daten an Spotify übertragen.

Bei Spotify öffnen

Fragen und Antworten

Hat Harry Pepl auch Klavier gespielt?

Ja. Der Gitarrist nahm Mitte der 1990er Jahre zwei Soloalben am Klavier auf, beide frei improvisiert: „Consequence“ (November 1995, Bösendorfer-Fabrik in Wien, erschienen 2020) und „Flow“ (10. März 1996, Brahmssaal des Wiener Musikvereins).

Wie entstand „Flow“?

In einem Take am Steinway im Brahmssaal des Wiener Musikvereins, ohne vorbereitete Motive oder Themen. Pepl wollte, dass man auf der CD auch den Raum hört. Bei zwei Stücken legte er eine zweite Klavierspur darüber, einige Stellen wurden gekürzt.

Was bedeutet „Man könnte Klavierspielen müssen“?

So heißen das sechste Stück auf „Flow“ und das Interview, das Martin Schuster 1998 für die Zeitschrift Concerto mit Pepl führte. Concerto vermutete im Titel eine Anspielung auf Glenn Goulds Klavierbesessenheit.

Warum erschien „Consequence“ erst 2020?

Die Plattenfirma wollte keine zwei Klavieralben auf einmal herausbringen. Das fertige Album blieb im Archiv, bis Fullmax Recordings es am 15. Mai 2020 aus dem Nachlass veröffentlichte.

Wo kann man die Klavieralben hören?

„Consequence“ ist bei Fullmax Recordings digital erschienen, „Flow“ seit 2023 digital als „Harry Pepl Piano“ bei PAO Records; beide sind bei den gängigen Streamingdiensten zu finden.

In der Chronik

In der Presse