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Harry Pepl * 1945  † 2005

Instant Composing: Komponieren aus der Improvisation

Real-time Composing

Real-time Composing oder Instant Composing nannte Harry Pepl seine Methode, aus frei improvisierten, übereinander aufgenommenen Stimmen fertige Werke zu machen. Damit entstanden Streichquartette für das Kronos Quartet und das Artis-Quartett ebenso wie die Aufnahmen der Lonely Single Swinger Band.

Pepls Begriff

Für Harry Pepl waren Komposition und Improvisation „an sich zwei getrennte Bereiche musikalischen Schaffens“. In seiner Methode, die er „instant composing“ oder „real-time composing“ nannte, erfuhren beide eine „seltene, paradoxe Verschmelzung“.1 Er improvisierte eine Stimme, reagierte darauf mit einer zweiten und dritten, und das Ergebnis galt als Werk. Entscheidend war für ihn, dass nichts nachkorrigiert wurde: „Was in dem Augenblick des Schaffens passiert, bleibt unangetastet.“2 Im Jahr 2000 fasste er es in einem Programmtext knapp: „Totale Improvisation im Sog der Geschwindigkeit des Augenblicks.“3

Der Begriff selbst war im Jazz nicht neu. Jim Hall sprach schon 1958 in Linernotes von „instant composition“, später verwendeten ihn Misha Mengelberg und das Instant Composers Pool.4 Pepls Eigenart lag im Verfahren: Er komponierte im Mehrspurverfahren und mit Hilfe der Technik, die Mitte der 1980er Jahre verfügbar wurde.

Das Werkzeug: MIDI-Gitarre und Computer

Ausgangspunkt war die Gitarre. Mit einem Gitarrensynthesizer von Roland, Tonabnehmer an der Gitarre und Klangerzeuger im Rack, konnte Pepl über das Griffbrett Klavier, Flöte, Trompete, Streicher oder Schlagzeugklänge ansteuern.5 So konnte er, wie er schrieb, „obwohl ich nur Gitarre spiele, in die Klangfarbe jedes nur erdenklichen Instruments schlüpfen“.6 Er hielt sich für „so ziemlich der erste“, der in Österreich einen Gitarrensynthesizer verwendete.7 Die MIDI-Daten liefen auf einem Atari 1040ST mit dem Programm Notator, das daraus Notenbilder setzen konnte; später nahm er auf ADAT und Festplatte auf.8 Im Nachlass liegen Atari-Sequenzerdateien, die bereits vom Februar 1986 stammen.9

Den Klang verstand Pepl nicht als Verpackung: „Der Sound macht es ganz einfach aus, wozu man inspiriert wird zu spielen.“ Mit einem Flötenklang spielte er anders als mit einem Gitarrensound.10 Ein früher Schritt war das ECM-Album „Cracked Mirrors“ (1987 aufgenommen, 1988 erschienen), auf dem die MIDI-Gitarre prägend ist und das Schlagzeug von Jon Christensen nachträglich in Oslo dazukam.11 Bei „Schönberg Improvations“ (aufgenommen 1989) steuerte Pepl über die MIDI-Gitarre einen Bösendorfer-Computerflügel 290 SE an, zuerst die linke, dann die rechte Hand.12

Wie ein Stück entstand

Die erste Spur spielte Pepl mehr oder weniger frei ein. Die weiteren improvisierte er im Kopfhörer zur ersten, jede mit einem anderen Klang. Manchmal stellte er mit der zweiten Stimme eine Frage, auf die eine dritte antwortete.13 Beim Streichquartett für das Kronos Quartet erfand er eine Stimme und improvisierte die drei übrigen als Reaktion darauf.14 Aus den MIDI-Daten entstand per Computer eine Partitur. Weil die Maschine jede kleinste Schwankung in Notenwerte übersetzte, mit sehr kleinen Werten und ungeraden Takten, bearbeiteten Kollegen die Notenbilder für die Ausführenden: der Geiger Andreas Schreiber und der Gitarrist Helmut Weinhandel die Stücke für das Kronos Quartet, Georg Pepl das Quartett für das Artis-Quartett.15

Das Notenbild selbst interessierte ihn danach kaum mehr: „Mit MIDI wird das aufgeschrieben, aber das Problem ist, dass mich das dann absolut nicht mehr interessiert, sobald ich es gespielt habe.“16 Nikolaus Kohler folgert, dass die Partitur bei Pepl gar nicht die Voraussetzung des Werks ist: Die einzige Bedingung sei die Aufnahme.17

Zwei Phasen

Stefan Heckel unterscheidet zwei Phasen.18 Etwa 1989 bis 1994 entstanden Auftragswerke, die notiert und aufgeführt wurden: für das Ensemble Wien und das Ensemble Kontrapunkte im Wiener Musikverein, für das Kronos Quartet (Uraufführung am 3. Dezember 1991 in Graz), für STUDIO PERCUSSION graz und für das Artis-Quartett (Uraufführung am 6. Mai 1993). Ab Mitte der 1990er Jahre arbeitete Pepl im Heimstudio in Hernstein, Niederösterreich, fast nur noch für die Aufnahme. Aus dieser Zeit stammen die Stücke der Lonely Single Swinger Band, in der er Schlagzeug, Gitarren, Bass-Samples, Klavier und Gesang selbst übereinanderschichtete. Notiert wurde nicht mehr, jedes Stück bekam sofort einen Titel.19 Ein großer Teil dieser Aufnahmen ist unveröffentlicht (Archiv).

Instant Composing in der Forschung

Heckels Dissertation „Instant Composing. Das Spätwerk des Jazzgitarristen und Komponisten Harry Pepl“ (Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, 2024) ist die bisher genaueste Untersuchung der Methode. Sie fragt, wie improvisierte Musik fixiert und als Komposition bestimmt werden kann und wie Pepl seine Instant Compositions für Solist:innen und Ensembles zugänglich machte.20 Heckel übersetzt den Begriff als „Komponieren im Ohrenblick“.21 Er beschreibt, wie sich die Musik auf dem Weg vom improvisierten Moment über Digitalisierung, Quantisierung, Notendruck, Bearbeitung und Probe bis zur Aufführung und Radiosendung verändert.22 Pepl selbst hatte genau diesen Vergleich angeregt: „Interessant wäre bei diesen Sachen der Vergleich zwischen meinem Original, der Notation, und der Version der Interpreten.“23

Zwei Befunde Heckels sind für die Praxis wichtig. Die herkömmliche Notenschrift bildet Pepls wellenartige Phrasierung über einem festen Puls nur unzureichend ab; Heckel schlägt deshalb ergänzend Hörberichte, Verbalpartituren, Zeit-Event-Tabellen und Wellenformdarstellungen vor.24 Und Aufführungen gelangen besonders dann, wenn die Ausführenden Improvisationserfahrung hatten oder Pepls Klangsprache kannten, wie Dave Liebman oder Wolfgang Puschnig; wurde nur der Notentext weitergegeben, gerieten sie schwieriger.25 Die Literatur zu Pepl verzeichnet das Literaturarchiv.

Bedeutung für Lehre und heutige Ensembles

Das Verfahren lässt sich unterrichten, auch ohne die Technik der 1980er Jahre: eine Stimme improvisieren und aufnehmen, eine zweite als Antwort darauf, eine dritte mit anderem Klang, und das Ergebnis weder schneiden noch korrigieren. Heckel hat mit zwei Musikerkollegen das Stück „Dedicated to Michele Noiret's Stockhausen“ (2004) aus einer Verbalpartitur neu interpretiert und damit ein Modell beschrieben, wie Ensembles mit unnotierter Musik arbeiten können.26 Hinweise für den Unterricht stehen unter Für die Lehre.

Seit 2018 bringen Clemens Salesny, Martin Bayer, Andi Schreiber und Valentin Duit Pepls Originalspuren aus dem Heimstudio mehrkanalig auf die Bühne und improvisieren mit ihnen. Heckel sieht darin den Beleg, dass im Moment entstandene Musik „in die Echtzeit“ zurückgeholt werden kann.27 Das Projekt beschreibt die Seite Projekte; wer selbst mit Pepls Musik arbeiten möchte, findet Hinweise unter Für Ensembles. Die notierten Werke verzeichnet das Werkverzeichnis.

Anmerkungen und Quellen (27)
  1. Harry Pepl, Text zum Auftragswerk für das Kronos Quartet, frühere Website harrypepl.com und undatiertes Infoblatt im Nachlass (S. 4); als Manuskript „Instant Composing. Info-Text für Veranstalter“ (1989) zitiert bei Heckel 2024, S. 12, 20 und 61. ↩
  2. Ebd. ↩
  3. Programmtext zu „Zeitraffer“ (2000), zitiert bei Heckel 2024, S. 61. ↩
  4. Heckel 2024, S. 21 f. ↩
  5. Heckel 2024, S. 54 und 77 bis 79. Heckel nennt für 1989 eine Ibanez-Gitarre mit dem Tonabnehmer Roland GK-2 und dem Gitarrensynthesizer GR-50. ↩
  6. Manuskript „Instant Composing“ (1989), zitiert bei Heckel 2024, S. 54. ↩
  7. Kohler 2006, S. 121. ↩
  8. Heckel 2024, S. 62 und 78 bis 80. ↩
  9. Acht Sequenzerdateien vom 06.02.1986 im digitalen Bestand des Nachlasses. Den Beginn der MIDI-Arbeit datieren die Quellen unterschiedlich: Kohler 2006 (S. 142) Mitte der 1980er Jahre, Heckel 2024 (S. 15 und 83) 1988 bzw. die Übergangszeit 1988/89. ↩
  10. Kohler 2006, S. 121. ↩
  11. Heckel 2024, S. 83 und 91 f.; Kohler 2006, S. 113 f. ↩
  12. Kohler 2006, S. 115; Heckel 2024, S. 103 bis 113. ↩
  13. Heckel 2024, S. 11, 62 f. und 116. ↩
  14. Harry Pepl, Text zum Auftragswerk für das Kronos Quartet (wie Anm. 1). ↩
  15. Heckel 2024, S. 80 bis 82 und 123 bis 126. ↩
  16. Kohler 2006, S. 121. ↩
  17. Kohler 2006, S. 142. ↩
  18. Heckel 2024, S. 16 und 84 f. ↩
  19. Heckel 2024, S. 154 und 158 f.; Kohler 2006, S. 133 bis 135. ↩
  20. Heckel 2024, S. 15. ↩
  21. Heckel 2024, S. 19 und 51. ↩
  22. Heckel 2024, S. 123 bis 125 und 136. ↩
  23. Kohler 2006, S. 122. ↩
  24. Heckel 2024, S. 99, 159 bis 162 und 172. ↩
  25. Heckel 2024, S. 174 bis 176. ↩
  26. Heckel 2024, S. 272 bis 282. ↩
  27. Heckel 2024, S. 163 bis 170. ↩

Stand: 15.10.2026