Mittwoch, 28. Oktober 2026
Das Harry Pepl Archiv erschließt einen europäischen Jazznachlass
Harry Pepls Laufbahn verband europäische Jazzszenen: mit Benny Goodman in Berlin und Kopenhagen, mit Werner Pirchner in Montreux und in Frankreich als Mitglied der Band des Klarinettisten Michel Portal. Er nahm für ECM mit Jack DeJohnette auf, schrieb für das Kronos Quartet und arbeitete früh mit MIDI-Gitarre und Computerflügel. Unter www.harrypepl.com wird der Nachlass des österreichischen Gitarristen, Komponisten und Improvisators Harry Pepl (1945 bis 2005) als wachsendes Online-Archiv zugänglich. 413 Pressedokumente, 193 Werke und 114 Tonträger zeichnen die Wege eines Musikers zwischen Wien, Berlin, Montreux, Paris und Kopenhagen nach.

Das ist so viel, wenn ich anfange zu erzählen, fällt mir alles auf den Kopf, alle Töne, alle Noten, die Musik und die Erlebnisse - eigentlich die ganze Welt!
Eine eigenständige Stimme im europäischen Jazz
Le Monde nannte Harry Pepl einen „Giganten der Improvisation“. Der Standard zählte ihn in seinem Nachruf zu den bedeutendsten Gitarristen weltweit, die Frankfurter Allgemeine Zeitung erinnerte an einen Musiker, der in den siebziger Jahren zu den schnellsten Jazzgitarristen Europas gehörte. Doch Virtuosität allein erklärt Pepls Bedeutung nicht. Sein Spiel verband rhythmische Präzision, ungewöhnliche Akkordverbindungen, klangliche Neugier und einen sehr eigenen Humor.
Pepl lernte Jazz zunächst von Schallplatten und entwickelte sich zu einer unverwechselbaren Stimme des europäischen Jazz. 1980 und 1981 gehörte er zu Benny Goodmans Band, unter anderem bei Konzerten in der Berliner Philharmonie und im Tivoli Kopenhagen. Mit Werner Pirchner bildete er von 1975 bis 1985 das Jazzzwio, eine der eigenwilligsten Formationen des österreichischen Jazz. 1981 trat das Duo beim Montreux Jazz Festival auf. Auf dem ECM-Album mit Pirchner und Jack DeJohnette traf Pepls musikalische Sprache auf einen der prägenden US-Schlagzeuger seiner Generation.
Mit Air Mail, seiner österreichisch-amerikanischen Band mit Wolfgang Puschnig, Wolfgang Reisinger und Mike Richmond, entwickelte Pepl seine Musik in einem internationalen Quartett weiter. In Frankreich arbeitete er ab 1984 in Michel Portals Unit. Im Umfeld dieser Band begegnete er Musikern wie Dave Liebman, Daniel Humair, Jean-François Jenny-Clark, Joachim Kühn, George Lewis und Mino Cinelu. Das 1987 in Amiens aufgenommene Album „Men's Land“ erschien beim französischen Label Bleu.
Zu Pepls Schülern an der Kunstuniversität Graz zählt Wolfgang Muthspiel. Er benannte 2004 ein Album nach Pepls Komposition „Air, Love & Vitamins“. Der Titel wurde zu einem österreichischen Jazzstandard und wird bis heute neu interpretiert. Für das international renommierte Kronos Quartet schrieb Pepl drei Werke, die das Ensemble 1991 im Orpheum Graz zur Welturaufführung brachte.
Von der MIDI-Gitarre zum Real-time Composing
Harry Pepl verstand Technik nicht als Effekt, sondern als Erweiterung des improvisatorischen Denkens. Er gehörte in Österreich zu den frühen Anwendern der MIDI-Gitarre. Bei den „Schönberg Improvations“ steuerte er mit ihr den Bösendorfer-Computerflügel 290 SE. In seinem späteren Werk entwickelte er eine eigene Form des Real-time Composing.
Im Heimstudio in Hernstein nahm Pepl improvisierte Spuren nacheinander auf: Gitarre, Bass über die MIDI-Gitarre, Klavier, Schlagzeug und Stimme. Jede neue Spur reagierte auf die bereits vorhandenen. So entstand aus einem einzelnen Musiker eine virtuelle Band, die trotz der zeitversetzten Aufnahme wie ein Ensemble im gemeinsamen Augenblick wirkt. Pepl nannte dieses Projekt „Harry Pepl's Lonely Single Swinger Band“.
Das Verfahren ist heute Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Der Pianist und Jazzforscher Stefan Heckel widmete Pepls Spätwerk seine 2024 an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien abgeschlossene Dissertation „Instant Composing“. Sie stützt sich unter anderem auf 22 Zeitzeugeninterviews und untersucht, wie Pepl improvisatorische Interaktion in den Mehrspurprozess übertrug. Das Archiv erschließt dazu Bänder im digitalen Mehrspurformat ADAT, Minidiscs, CDs und Festplatten, zum Teil mit getrennten Spuren für einzelne Instrumente.
Auch auf der Bühne wird dieses Material weitergedacht. Seit 2018 improvisieren Clemens Salesny, Martin Bayer, Andi Schreiber und Valentin Duit als „Harry Pepl (tape) & The (Lonely) Single Swinger Band“ mit Pepls Originalspuren. Das 2025 veröffentlichte Album „Live“ erreichte beim Österreichischen Jazzpreis den zweiten Platz in der Kategorie „Best Album“.
Neue Funde und ein wachsendes Archiv
Das Harry Pepl Archiv verbindet Biografie, Werkverzeichnis, Diskografie, Chronik, Presse, Fotos, Videos und wissenschaftliche Quellen. Mit Stand 23. Oktober 2026 verzeichnet es 114 Tonträger, 193 Werke, 278 Personen, 276 Chronik-Einträge, 413 Pressedokumente, 114 Literatureinträge, 171 Fotos, 49 Videos und 318 Zitate. Ein Online-Findmittel erschließt zwölf Bestände. Jeder Eintrag ist zitierfähig; Verzeichnisse stehen auch als offene Daten zur Verfügung.
Die Arbeit am Archiv bringt laufend neue Funde hervor. Im Katalog des französischen Institut national de l'audiovisuel wurden fünf dem Harry Pepl Archiv bislang unbekannte Konzertmitschnitte entdeckt, die meisten aus Paris. Plakate aus der Wienbibliothek ergänzten ein Dutzend Wiener Auftritte zwischen 1975 und 1991. Weitere Belege kamen aus Archiven des steirischen herbstes, der Wiener Festwochen, der Donaueschinger Musiktage, des Moers Festivals und von Banlieues Bleues. Weggefährten wie Furio Di Castri und Bo Stief steuerten Erinnerungen bei.
Zehn Aufnahmen aus fünf Jahrzehnten sind in einem frei zugänglichen Hörpfad zu erleben. Mit persönlichem Zugang stehen mehr als 40 weitere Mitschnitte aus dem Nachlass bereit, darunter Rundfunksendungen und die Uraufführung der Werke für das Kronos Quartet. Forschende, Hochschulen und Ensembles können Hörkopien, Notenscans, Programme und Fotos in Druckqualität anfragen.
„Der weitaus größte Teil des Nachlasses ist noch nicht einmal gesichtet. Das Archiv ist ein Anfang: Es macht sichtbar, was da ist, belegt jede Angabe und lädt Forschung, Musikerinnen und Musiker und Medien ein, mit uns weiterzuarbeiten“, sagt Daniel Pepl, Herausgeber des Archivs und Verwalter des musikalischen Nachlasses.
Stimmen zu Harry Pepl
- „He was an amazing guitarist, pianist and composer. His harmonic, rhythmic and sound concepts were very unique!“ | Jack DeJohnette, Statement für Ö1, 2020
- „Gigant der Improvisation“ | Le Monde, zitiert nach der Kleinen Zeitung, 1988
- „gehörte in seiner aktiven Phase zu den bedeutendsten Gitarristen weltweit“ | Der Standard, Nachruf, 2005
- „Er war ein Improvisator allerhöchsten Ranges“ | Stefan Heckel, Dissertation „Instant Composing“, 2024
- „Your father was a very good and original guitarist and deserves to be remembered.“ | Scott Yanow, US-Jazzhistoriker und Autor von „The Great Jazz Guitarists“, 2026
Pressefotos
Im Pressebereich steht ein Motiv in Druckqualität zur Verfügung. Abdruck zur Berichterstattung über das Harry Pepl Archiv mit Bildnachweis.
- Harry Pepl, Studioporträt mit Gitarre | Foto: musikalischer Nachlass, Privatbesitz
Kontakt
Daniel Pepl, Herausgeber des Harry Pepl Archivs und Verwalter des musikalischen Nachlasses, Fullmax Recordings, Wien. Anfragen bitte über das Formular für Presseanfragen.