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Harry Pepl * 1945  † 2005

Die alte Mär und das Mann und andere Titel-Wortspiele

Harry Pepls Wortwitz

Harry Pepl schrieb tiefsinnige, oft hochkomplexe Musik und gab ihr verschmitzte Titel. Aus Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ wurde „Die alte Mär und das Mann“, aus dem Salzstreuer „Salt and Pepl“, aus Improvisation und Variation die „Improvations“. Hier stehen zwanzig dieser Titel mit Jahr, Aufnahme und Erklärung.

Ein Markenzeichen

Der Wortwitz in Pepls Titeln ist kein Beiwerk, er gehört zu seinem Profil. Roland Spiegel zählte ihn im Bayerischen Rundfunk (München, Deutschland) zu dem, womit Pepl seinen Sound prägte, neben seiner Musikalität und seiner Suche nach Klängen jenseits der Jazzkonvention: „mit so schönen Titel-Wortspielen wie ‚Schikaneder delight‘ oder ‚Die alte Mär und das Mann‘“.1 Der Musikwissenschaftler Stefan Heckel schreibt: „Harry Pepl liebte das Spiel mit Worten und bezog sich gerne auf literarische Werke. Viele seiner früheren Stücktitel waren Wortverdrehungen.“2 Pepls Sohn Georg Pepl beschrieb 1996 in den Linernotes zum Klavieralbum „Flow“, worin der Reiz liegt: „Musikalisch ist sein Spielen mit der Sprache, das Lauschen auf ihren Rhythmus, ihre Doppeldeutigkeiten. Romantisch ist die Dialektik zwischen tiefsinniger Musik und ironisch-spielerischem Titel.“3

Zwanzig Titel, chronologisch

  • „Salt and Pepl“ (1976, auf „Leave Me“ der ORF Big Band): Der Komponist streut sich selbst ein. Aus „Salt and Pepper“ wird „Salt and Pepl“, ein kurzes Big-Band-Stück mit Pepls Gitarrensolo.
  • „Mahavischnigg“ (1979, auf „Austria Drei“): Ein frei improvisiertes Gitarrensolo, das nach Nikolaus Kohler „literarisch kärntnerisch“ auf John McLaughlins Mahavishnu Orchestra anspielt.4 Aus Vishnu wird ein „Vischnigg“ mit der Endung vieler Kärntner Familiennamen.
  • „Air, Love & Vitamins“ (1982, ECM 1983): Luft, Liebe und noch etwas, eben auch Vitamine. Der Titel sollte laut der früheren Website etwas Grundpositives „mit einer Prise Selbst-Ironie“ ausdrücken.5 Roland Spiegel nahm das Bild auf: „Harry Pepls musikalische Vitamine beleben die Jazzwelt noch immer.“1 Pepls bekanntestes Stück hat eine eigene Seite.
  • „Eye of the Groundhog“ (spätestens 1985): „Der Titel des Stücks bezieht sich ironisch auf den Survivor-Hit ‚Eye of the Tiger‘“, schreibt Kohler, und ergänzt, dass Maulwürfe „im Gegensatz zu einem Tiger sehr kleine, von außen kaum sichtbare Augen“ haben.6 Statt des Tigers schaut also ein Murmeltier, auf Deutsch hieß das Stück „Das Auge des Maulwurfs“.
  • „More Far Out Than East“ (1987, auf „Cracked Mirrors“): Für Heckel „ein weiteres Beispiel für Pepls Wortwitz bei der Wahl seiner Stücktitel“, mit Anklängen an Duke Ellingtons „Far East Suite“ und den Standard „East of the Sun (West of the Moon)“; was Pepl genau meinte, ließ sich nicht feststellen.7 „Far out“ ist zugleich Jazzslang für „abgefahren“. Dasselbe Stück heißt auf „Volver“ „Ballentine for Valentine“ und bei der AKM (österreichische Verwertungsgesellschaft für Komponist:innen, Textautor:innen und Musikverlage) schlicht „Hundertfünfundzwanzig Zweihundertfünfzig“.8
  • „Die alte Mär und das Mann“ (1987, auf „Cracked Mirrors“): Nach Heckel „eine Anspielung auf die Novelle Der Alte Mann und das Meer von Ernest Hemingway“.2 Das Meer wird zur Mär, Mann und Meer tauschen die Plätze, und aus „der“ Mann wird „das“ Mann. 2023 machte Pepls Schüler Peter Havlicek daraus eine Wienerlied-Fassung für das Konzerthaus in Wien (Österreich).
  • „Schikaneder Delight“ (1987, auf „Cracked Mirrors“): Emanuel Schikaneder, Theaterdirektor in Wien und Textdichter von Mozarts „Zauberflöte“, trifft das englische „Delight“, das Vergnügen. Laut Programmheft von 1990 entstand das Stück „anlässlich von Peter Shaffers Amadeus-Film“.9
  • „Tintenfisch Inki“ (1987, auf „Cracked Mirrors“): Benannt nach dem Comic-Tintenfisch Inki.10 Der Name verdoppelt die Tinte, denn in „Inki“ steckt das englische „ink“. Hier spielt Pepl selbst Klavier, im Duo mit Herbert Joos, es ist sein erstes veröffentlichtes Klavierstück.
  • „Dinozzo“ (um 1987, auf „N.Y.C. IMPRESSURE“): Eine versteckte Widmung an den argentinischen Bandoneonisten Dino Saluzzi, mit dem Pepl im Rava/Saluzzi Quintet tourte. Nach Kohler geht der Titel auf den Spitznamen „Rhino“ zurück, den Produzent Manfred Eicher Saluzzi im Studio gab: Aus Dino und Rhino, dem Nashorn, wird „Dinozzo“, und ein Dinosaurier klingt gleich mit.11
  • „Herbstzeitlose Arbeitslose“ (1989, auf „Schönberg Improvations“): Für Heckel eines der „typisch humorvollen Wortspiele Pepls“.12 Die Herbstzeitlose, eine spät blühende Wiesenblume, reimt sich auf die Arbeitslosen, in beiden Wörtern klingt das „los“.
  • „Schönberg Improvations“ (1989): „Improvations“ entstand laut Pepl „aus einer Kreuzung von ‚Improvisation‘ und ‚Variation‘“, ein Mischwort, „welches sich wie ein Schreibfehler liest“. Bei der Wiederauflage 2004 wurde es „tragisch-komischerweise“ zu „Improvisations“ und damit „der Doppeldeutigkeit beraubt“.2
  • „Einsicht ins Mich“ (1989): Der Titel bezieht sich nach Auskunft von Pepls Söhnen auf das Buch „Einsicht ins Ich“ von Douglas R. Hofstadter und Daniel C. Dennett.13 Aus dem Ich wird ein Mich, das Subjekt schaut auf sich selbst.
  • „The Last Bars of Mankind“ (1989): Nach Heckel eine Anspielung auf Karl Kraus' „Die letzten Tage der Menschheit“.13 „Bars“ sind im Englischen auch Takte, aus den letzten Tagen werden die letzten Takte der Menschheit.
  • „Eastern Island Ears“ (1989, auf „Schönberg Improvations“): Die Osterinsel heißt englisch Easter Island, berühmt sind ihre Moai, die Steinfiguren mit den langen Ohren. Bei Pepl wird daraus eine östliche Insel, und im Titel bleiben genau diese langen Ohren übrig.14
  • „Pizzicat“ (1990): Ein Kontrabasskonzert für Josef Pitzek, zusammengesetzt aus „Pitzek“ und „cat“, weil Pitzek Pepl beim Spielen wie eine Katze vorkam. Heckel vermerkt trocken: „In diesem Werk kommt kein einziges Pizzicato vor!“15
  • „Natürlich Unartürlich“ (1995, auf „Consequence“): Das Eröffnungsstück des Klavieralbums macht aus „unnatürlich“ ein „unartürlich“. Darin steckt die Unart, und die überlieferte Schreibweise „unArtürlich“ hebt die Art hervor, im Englischen die Kunst.
  • „Draufer und drüber“ (1996, auf „Flow“): Die Redewendung „drauf und drüber“ wird gesteigert, als gäbe es ein „draufer“. Heckel nennt den Titel in einer Reihe mit „Drauf und Dran“ und „Hurtig Gurtig“.12
  • „Frischwärts“, „Fugendichtung“ und „Hurtig Gurtig“ (1999, neu auf der Doppel-CD 2015): Pepl brannte 1999 selbst eine CD und beschriftete sie von Hand als „Weihnachts-CD 1999, Vol.1“; alle zehn Stücke haben laut Heckel „ausdrucksstarke, eigenwillige Namen“.12 „Frischwärts“ verschmilzt frisch und vorwärts, „Fugendichtung“ verbindet die musikalische Fuge mit der Dichtung (und mit dem, was am Bau eine Fuge abdichtet), „Hurtig Gurtig“ reimt sich einfach selbst.
  • „Scratchmo“ (veröffentlicht 2020, auf „Harry Pepl's Lonely Single Swinger Band (Volume One)“): Im Spitznamen von Louis Armstrong, „Satchmo“, kratzt es, englisch scratch. Mit 9:17 Minuten ist es das längste Stück des Albums.
  • „Glennfiddich for my Wellensiddich“: Die Whiskymarke Glenfiddich reimt sich auf den Wellensittich. Das Stück ist nur als Titel bei der AKM bekannt.

Erklärungen ohne Fußnote sind naheliegende Lesarten der Redaktion; Pepl hat diese Titel nach heutigem Stand nicht selbst kommentiert.

Woher der Witz kommt

Schon im Jazzzwio mit Werner Pirchner gehörte der Titelwitz zur Bühne. Die beiden passten die Namen ihrer Stücke oft dem Ort an: In Berlin (Deutschland) eröffneten sie 1981 mit „Berlin '81, die Erste“, beim Deutschen Jazzfestival in Frankfurt am Main (Deutschland) spielten sie 1982 „Wiener essen Frankfurter“ und „Frankfurter essen Wiener“.16 Seine Ein-Mann-Band im Heimstudio nannte Pepl selbstironisch, nach Heckel „bitter-ironisch“, „Harry Pepl's Lonely Single Swinger Band“, weil die Musik einerseits traurig und lonely sei, andererseits swinge oder eben nicht.17

Das steht in einer österreichischen Tradition. Die Wiener Gruppe, die literarische Avantgarde der 1950er Jahre um H. C. Artmann, Gerhard Rühm und Konrad Bayer, behandelte Sprache als Material; Artmanns Mundartgedichte „med ana schwoazzn dintn“ (1958) machten den Dialekt zum Experiment.18 Ernst Jandl band Jazzmusiker ein, etwa Mathias Rüegg und das Vienna Art Orchestra.19 Otto M. Zykan, der Pepls „Das Auge des Maulwurfs“ im Wiener Konzerthaus spielte, verband Musik, Sprache und Satire.20 Pirchner brachte bitterbösen Humor in den Jazz, schon sein „Halbes Doppelalbum“ (1973) löste einen Skandal aus.21 Im Jazz selbst reicht die Linie von Charles Mingus' „Fables of Faubus“ (1959) bis zu Pepl. Der Ernst der Musik bleibt, der Titel öffnet eine zweite Ebene. Zu jedem Stück führt das Werkverzeichnis, die Arbeiten von Heckel und Kohler verzeichnet das Literaturarchiv.

Im Geiste Pepls: neuere Titel

Seit 2015 bringen Clemens Salesny, Martin Bayer und ihre Mitmusiker Pepls Originalspuren aus dem Heimstudio in Hernstein (Niederösterreich, Österreich) zurück ins Studio und auf die Bühne, zuerst auf der Doppel-CD 2015, dann mit Harry Pepl (tape) & The (Lonely) Single Swinger Band auf dem Album „Live“ (2025). Dabei bekam Material von Pepl neue Titel. Sie wurden nach seinem Tod vergeben, im Geiste seines Wortwitzes und in Abstimmung mit Clemens Salesny und Martin Bayer.22 Auf „Live“ sind das unter anderem:

  • „Fun Fare“: Spaß, englisch fun, steckt in der Fanfare, für das kürzeste Stück des Albums, in dem nur Pepl vom Band spielt.
  • „Schweinefunk“: Schwein trifft Funk, die Musikrichtung, und im Wort steckt auch der Rundfunk; der englische Pressetext macht daraus „Pig Radio“.
  • „Tritsch Tratsch“: Klingt an die „Tritsch-Tratsch-Polka“ von Johann Strauss Sohn an, die selbst vom Klatsch handelt.
  • „Scat Snap“: Pepls Scat-Gesang vom Band, mit einem Schnappen, englisch snap, im Stabreim.
  • „Time Trace“: Die Zeitspur, also die Spur auf dem Band, zu der die Band Jahrzehnte später mitspielt.
  • „Hernstein Blues“: Ein Blues mit dem Namen des Orts, an dem die Spuren entstanden, ganz wie das Jazzzwio Titel dem Ort anpasste.
Anmerkungen und Quellen (22)
  1. Roland Spiegel, Sendemanuskript „Was heute geschah“, Bayerischer Rundfunk (undatiert, vor 2020; Archiv Daniel Pepl). ↩
  2. Heckel 2024, S. 106. ↩
  3. Georg Pepl, Linernotes zu „Flow“ (1996), zitiert bei Kohler 2006, S. 133. ↩
  4. Kohler 2006, S. 44. ↩
  5. Frühere Website harrypepl.com, Seite „Air, Love & Vitamins“ (Daniel Pepl). ↩
  6. Kohler 2006, S. 98. ↩
  7. Heckel 2024, S. 96. ↩
  8. Heckel 2024, S. 95 bis 103; Kohler 2006, S. 97 f. ↩
  9. Programmheft zum Komponistenporträt im Wiener Musikverein, 27.02.1990, S. 8. ↩
  10. Auskunft Daniel Pepl, 17.10.2026. ↩
  11. Kohler 2006, S. 102. ↩
  12. Heckel 2024, S. 158 f. ↩
  13. Heckel 2024, S. 105. ↩
  14. Auskunft Daniel Pepl, 17.10.2026. ↩
  15. Heckel 2024, S. 216 (Interview mit Josef Pitzek). ↩
  16. Kohler 2006, S. 86. ↩
  17. Heckel 2024, S. 85 und 154. ↩
  18. Wikipedia, „Wiener Gruppe“, https://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_Gruppe, und „H. C. Artmann“, https://de.wikipedia.org/wiki/H._C._Artmann (Zugriff 16.10.2026). ↩
  19. Wikipedia, „Ernst Jandl“, https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Jandl (Zugriff 16.10.2026). ↩
  20. Kohler 2006, S. 85; Wikipedia, „Otto M. Zykan“, https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_M._Zykan (Zugriff 16.10.2026). ↩
  21. Kohler 2006, S. 71; FALTER, 26.03.2014, https://www.falter.at/zeitung/20140326/erinnerungen-an-werner-pirchner-den-frank-zappa-aus-hall-in-tirol ↩
  22. Auskunft Daniel Pepl, 17.10.2026. ↩

Stand: 17.10.2026